In meinem Herz ist kein Platz für Hass

Hallo! 

Gestern Nacht stand ich wartend an der Haltestelle des Nachtbusses am Alexanderplatz, als ich hinter mir dem Gespräch dreier Leute lauschte:
„Die Merkel hat den Tod verdient. Nichts als den Tod, jede weitere Strafe ist viel zu milde für die.
Und all die dummen Deutschen, die ihren Mist unterstützen gehören an die Wand gestellt und ebenfalls erschossen. Viel mehr Menschen sollten Die AFD wählen, damit hier endlich mal alle aufwachen.“

Willkommen zurück im Nazi Deutschland. Bei mir ist kein Platz für Hass!

Schubladendenkend stellt man sich jetzt drei kahlköpfige Neonazis in ihren Bomberjacken und Springerstiefeln vor. Große arische Buben, kräftiger Statur und mit ordentlich „White Power“.
Nein.
Da saßen zwei Männer, etwas über 50 (das erfuhr ich im späteren Gesprächsverlauf) und eine Frau, etwa in meinem Alter.
Sie macht irgendwas im Handwerk und sagt, heutzutage sei es so schwer Auszubildende für das Handwerk zu finden. Keiner wolle mehr am Wochenende arbeiten.

Hier auf meinem Blog schreibe ich mehr über das, was mich im Alltag bewegt, was meinen Weg kreuzt und mich nachhaltig beeinflusst, statt über die Dinge, die sich in meinen Einkaufstüten wiederfinden und so ist die heutige Kolumne ebenfalls von Erfahrungen geprägt.
Von meinen Erlebnissen, die sich am gestrigen Abend ganz seltsam bündelten.

Ich war auf ein Event geladen. Es gab viel Gin, gutes Essen und sehr interessante Gespräche.
Viel zu spät machte ich mich gegen halb zwei Uhr nachts von dort auf den Heimweg und war gezwungen den Nachtbus zu nehmen.

Dort traf ich auf besagte Dreierkombi und lauschte nun unweigerlich einem höchst euphorischen Gespräch über Zuwanderer, die „böse“ Merkel, Moslems und all das andere „Pack“ was dem Deutschen die Arbeit nimmt, unser Geld einheimst und sich dann auch noch lauthals beschwert.
Dieses Pack, was sich nicht integrieren und unser Deutschland bald ins Verderben stürzen wird.

Ich wusste nach den ersten drei Sätzen, dass diese Busfahrt wohl sehr anstrengend für meine Ohren, eine Herausforderung für meinen Kotzreiz und schmerzhaft für meine Zunge werden würde.

Ich sollte Recht behalten.

Die Busfahrt war unangenehm lang und gefüllt von dümmlichsten Äußerungen über die deutsche Politik, Merkels Unfähigkeit und unsere verkommene Jugend.
Früher war alles besser, sagten sie.
Also das Früher irgendwann zwischen jetzt und Mauerfall, denn vor der Wende war es auch nicht so prickelnd. Da hat sich nur keiner getraut den Mund aufzumachen.
Aber in Tschechien da kennen die Jugendlichen noch Werte. Da haben sie Respekt vor den Erwachsenen. Nicht so wie bei uns. Bei uns sind alle Jugendlichen respektlos, spucken Erwachsene an, prügeln sich bereits mit 10 gegenseitig ins Krankenhaus.
Unsere deutsche Jugend sitzt in Berlin zwischen den ganzen Moslems auf der Schulbank und wird verdorben, hieß es.
Die Moslems sind schuld. Und all das andere ekelhafte Pack. Aus unseren Kindern kann ja gar nichts mehr werden. Wir müssen alle aufs Land ziehen. Da ist die Welt noch in Ordnung, aber sicher auch nicht mehr lang, denn bald, ist auch da alles verdorben mit dem Pack.

In meinem Gesicht wechselten sich Augenrollen, Braue hochziehen und auf die Lippen beißen ab.
Ich versuchte mich mit Techno aus meinen Kopfhörern abzulenken, aber wie bei einem Unfall, bei dem man nicht wegschauen kann, zwang es mich innerlich doch wieder hinzuhören.

Und so stand ich da, krallte mich an die Stange im Bus fest, um nicht umzufallen und machte mir so meine Gedanken zu deren Worte.

Ist unsere Jugend so verkommen?
Geht es uns Deutschen so schlecht?
Sind die Moslems und das „andere Pack“ an allem Schuld?

Erst wenige Stunden vorher führten wir auf dem Event kurzweilig genau darüber eine Unterhaltung.
Ich berichtete über meine Erfahrungen während meiner mal längeren mal kürzeren Lebensabschnitte in Spanien, Italien und England oder meinen Erfahrungen mit Armut in Thailand.

Wir sprachen über das Deutsche Gesundheits- und Sozialwesen und darüber, dass wir uns im Vergleich betrachtet noch ziemlich glücklich schätzen dürfen, auch wenn sicher nicht alles rund läuft bei uns.
Ich habe mich in meiner Schwangerschaft bewusst dafür entschieden, nach Deutschland zurückzukommen, eben weil ich wusste, dass ich hier mit Kind ganz anders abgesichert bin als in London, wo ich zu dieser Zeit lebte.
Ich wusste auch, um die vielen Möglichkeiten, die gute Ausbildung etc. die meine Tochter hier hat.

Die Frau meinen Alters kam in Fahrt. Sie hetzte und verschaffte ihrem Unmut Luft.

„Ich würde mich ja schämen in ein anderes Land zu gehen und da nach irgendwas zu betteln. Schämen soll sich das ganze Moslem Pack.
Kommen hier her, wollen uns ihren Glauben aufzwängen, bringen den Terror mit und dann wollen die auch noch unser Geld. Fressen kein Schwein, beten da irgendeinen Arsch an den ganzen Tag und wollen uns dann was erzählen.“

Hand aufs Herz:
Mit wie vielen Moslems haben wir uns schon einmal intensiv unterhalten?
Und damit meine ich nicht, dass wir uns Bushido auf Spotify anhören, sondern uns mit ihnen am Kotti oder Hermannplatz auf ein Glas Tee hinsetzen und uns ihre Kultur erklären lassen.

Hand hoch und „hier“ schreien bitte.

Da saß sie nun aber da im Nachtbus, beschwerte sich über all das Pack in unserem Land und ihren Worten konnte ich entnehmen, dass sie einen Moslem wahrscheinlich bisher nur aus irgendwelchen Hasspredigten von AFD Wählern kannte, sich aber noch nie selbst mit einem unterhalten haben kann.

In den Köpfen des Dreiergespanns waren die Schuldigen für all das „üble Leid“ in Deutschland die Moslems, Frau Merkel und  das andere Pack.
Leider wurde nicht ganz eindeutig geklärt, wer oder was eigentlich dieses „andere Pack“ sei – sie hießen immer nur das Pack.
Dieses Pack aber benimmt sich in Deutschland, nach deren Auffassung, wie Tiere. Sie nehmen uns aus und wollen uns ihre Kultur aufzwängen. Mimimimimmimimimimiiiiii.

Kurz bevor ich im Nachtbus mit diesen drei Menschen saß, irrte ich mit einem anderen Gast des Events, der ebenfalls zu spät losging, noch verloren durch den Alexanderplatz.
Um diese Uhrzeit fährt unter der Woche keine Bahn mehr. Der Bahnhof ist dann voll von Rumtreibern, Nachtarbeitern, Sicherheitspersonal, Polizeibeamten und leider eben auch das arme Bild der Hauptstadt – jeder Menge Obdachloser.

Wir liefen mit unseren Goodie Bags rum, gefüllt mit Gin, Schoki und übrig gebliebenem Essen vom Event.
Meine Begleitung nahm sein Essen, lief auf einen Obdachlosen zu und fragte ihn, ob er sein Essen haben möchte. Er legte es ihm hin. Wir gingen weiter.
Am Mc Donalds haben wir mitbekommen, wie ein Mann irgendeiner Security Firma (nichtdeutscher Herkunft) einen bestellten Burger an einen Obdachlosen überreichen ließ.
Danach beobachtete ich, wie ein weiterer Kunde, ebenfalls nichtdeutscher Herkunft die Spendenbox vor der Kasse der Burgerkette mit Kleingeld befüllte.
Das ermunterte mich und ich warf ebenfalls Geld hinein.

Vier gute Taten in weniger als fünf Minuten von 4 verschiedenen Menschen, Deutscher und Nichtdeutscher Herkunft.

Mit meiner Begleitung redete ich noch darüber, was für ein schöner Moment das gerade ist, wo man immer glaubt, Mitgefühl und Nächstenliebe wären vielleicht gar nicht so populär.

Der Security- Typ, der in den Augen der Frau wohl zum „Pack“ gezählt worden wäre, spendierte einem Obdachlosen eine Mahlzeit, vollkommen selbstverständlich und ohne auf ein Danke zu warten, drehte er sich um und lief zu seinem Kollegen.
Meine Begleitung verschenkte das Essen, was auf dem Event höchstwahrscheinlich im Müll gelandet wäre, an einen Obdachlosen.
Ein anderer noch recht junger Mann der Kategorie „Pack“ warf mehrere große Münzen in die Spendenbox.

Keiner dieser Taten wurde erwartet. Keinem ging es um ein Danke.
Alles geschah in wenigen Minuten an nur einem einzigen Ort. Ganz selbstverständlich.

Zwanzig Minuten später stand ich im Nachtbus und lauschte dann den beiden Herren, der Frau und ihrem hassorientierten Gerede über die verkommene Jugend, über Moslems, die unsere Kultur versauen, die sich nicht benehmen und die uns bald schon in den Untergang treiben.

Ich stand da, wollte etwas sagen, biss mir stattdessen auf die Zunge und musste innerlich lächeln.
Ich holte mir das eben erlebte vom Bahnhof zurück und lächelte ich mich hinein.

Lächelte darüber, dass ich weiß, dass sich unsere deutsche Kultur keineswegs vor Moslems oder irgendeinem Pack fürchten muss.
Dass unsere Jugend von uns Eltern beeinflusst wird, durch unsere Erziehung und dass nicht die anderen dafür verantwortlich sind, wozu sich unsere Kinder entwickeln.

Denn…
1. es liegt an mir, meinem Kind die richtigen Werte mit auf den Weg zu geben und wenn ich selbst ein gutes Vorbild bin und meinem Kind das vorlebe, was ich von meinem Kind erhoffe, dann muss ich
2. nicht fürchten, dass ausländische Mitbürger irgendeinen schlechten Einfluss auf mein Kind nehmen könnten. Niemand wird den haben, solange ich mein Kind zu einem selbstbewussten, emphatischen und gutmütigen Menschen erziehe.

Während die drei sich weiter über unsere arme Jugend ausheulten und meinten, unsere Jugend würde spätestens mit Eintritt in die Schule verdorben werden, dachte ich an meine Tochter, die aktuell ein geistig und körperlich eingeschränktes Kind in der Kita zu ihrer besten Freundin erkoren hat.
Der es völlig egal ist, dass dieses Kind mit ihr nicht so wie die anderen Kinder wild durch die Kita flitzen, Blödsinn reden und basteln kann.
Stattdessen nimmt meine Tochter dieses Mädchen täglich an die Hand und hilft ihr sich im Alttag zwischen all den nicht beeinträchtigten Kindern zu behaupten.
In Gesprächen mit ihren Erziehern wurde sie dafür bereits mehrfach hoch gelobt und man teilte uns die Bewunderung mit, die man für meine Tochter hat, dass sie den Spagat so wunderbar meistert und keine Barriere zieht, stattdessen bewusst versucht zu integrieren.

Meine Tochter ist Halbitalienerin.
Ihr Papa, der Italiener kam mit mir vor 5 Jahren nach Deutschland, konnte unsere Sprache nicht, hatte keinen festen Job und hatte eine schwangere Freundin an der Hand.

Dieser Italiener hat in den letzten 5 Jahren zwei Sprachkurse besucht, spricht Deutsch mittlerweile fließend, hat zwei Ausbildungen auf Deutsch mit Bestnoten absolviert und bezahlt fleißig seine Steuern ohne dem Staat auf der Tasche zu sitzen.
Er erzieht seine Tochter mit den richtigen Werten und zeigt sich selbst als einen der hilfsbereitesten Menschen, die ich kenne.

Nein, es sind nicht die Ausländer oder irgendein Pack welches wir fürchten müssen.
Es sind nicht die Ausländer, die sich hier nicht integrieren wollen, die sich weigern unsere Sprache zu lernen oder deren Einfluss unsere Jugend versaut.

Wir sind das!
Wir sind es, die anderen keine Chance geben wollen, weil wir zu sehr fürchten, uns selbst einzuschränken oder eingeschränkt zu werden.
Wir sind es, die glauben, dass Kulturen nicht in friedlicher Koexistenz leben können.
Wir sind es, die sich von Medien und Hetzen in ihrer Meinung aufbauschen lassen, ohne jemals den Kontakt zu einem dieser Menschen gesucht zu haben.
Wir sind es, die zuhören und verstehen lernen sollten.
Wir sind es, die die Augen offen halten sollten, um zu sehen, dass sich Moslems und all die anderen Menschen, die hier immer wieder „Pack“ geschimpft wurden, sehr wohl in unserer Gesellschaft integrieren wollen und können.
Dass sie unserer Jugend und uns mit ihren Werten von Familie und Zusammenhalt durchaus noch einiges beibringen können.
Wir sind es, die Menschen nicht in eine Schublade stecken und stattdessen Integration zulassen sollten.
Wir sind es, die aufhören sollten, Hass zu empfinden und zu glauben, früher wäre alles besser gewesen.

Früher waren die Dinge anders. Ja.

Sehr gerne hätte ich gestern Nacht diese drei Herrschaften „gegen die Wand gestellt“ und ihnen tröstend die Wange gestreichelt.
Gerne hätte ich ihnen gesagt, dass die Zeiten, wo man Leute gegen die Wand stellt, um sie zu erschießen, in Deutschland, den Alliierten sei Dank lange lange vorbei sind und dass auch sie endlich aufhören dürfen, solche Hasspredigten zu verbreiten.

Stattdessen bin ich als Italienerin – Spanierin – Portugiesin – Türkin – Mexikanerin – Kubanerin – Brasilianerin und was ich nicht alles schon für irgendjemanden war, zwei Stationen früher ausgestiegen, länger als nötig gelaufen und habe höchsten Stolz dafür empfunden, dass weder ich noch mein „armes“ Kind zu dieser Sorte Mensch gehören werden, die anderen Menschen mit Hass entgegen treten.

Ich danke dir für deine Aufmerksamkeit!

Anmerkung:
Sämtliche verfassungswidrigen, rechtsorientierten Äußerungen in diesem Text sind „Zitate“ aus dem gelauschtem Gespräch und entsprechen selbstverständlich nicht meiner persönlichen Einstellung.

LIEBST DEINE FRAU P L

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