Generation Tinder und warum für Romantik kein Platz ist /English version available

Hallo! 

Was bedeutet uns Romantik in der heutigen Gesellschaft?
Welchen Stellenwert nimmt sie ein in einer Stadt wie Berlin, die zwar mit romantischen Plätzen und jeder Menge cooler Dating Optionen aufwarten kann, in der sich die Singles aber lieber auf Tinder vergnügen und von festen Bindungen und Verantwortung nicht viel halten?

Für mich war die letzte auch gleichzeitig meine bisher längste Beziehung.

Was das Singlesein heutzutage in Berlin bedeutet, kannte ich bis zu meiner Trennung vor anderthalb Jahren nur von meinen Freundinnen, die mir mit teilweise sehr schlüpfrigen Geschichten von Tinder berichteten.

„Tinder? Was ist Tinder? Wie eine Dating App? Und da verabredet man sich immer direkt zum Sex?“

 
Falls du tatsächlich zu denen gehörst, die aufgrund einer mehrjärigen erfüllten Liebesbeziehung tatsächlich noch nie in Berührung gekommen sind mit dieser App, hier nochmal eine kurze Erklärung, was Tinder eigentlich ist:
Tinder ist eine Dating App, auf der du dir mit deinem Facebook Profil einen Account anlegen kannst. 
Du musst dich also über Facebook anmelden, wobei aber „lediglich“ auf Vorname, Alter, Wohnort und deine Freundesliste zugegriffen wird – meldest du dich an, kannst du also sehen, welcher deiner Freunde noch so tindert. ERWISCHT! 
In deinem Profil kannst du noch ein paar witzige, ernsthafte oder wichtige Stichpunkte über dich loswerden. 
Radius in und Geschlecht nach dem gesucht werden soll eingeben und schon öffnet sich ein Katalog an potenziellen neuen Sexpartnern, Beer Buddies, Badminton Partnern oder deiner neuen großen Liebe. 

Links wischen für „ähmmm neeeee !“ und rechts wischen für „ohhh yesss“ 
Nur wenn beide nach rechts wischen, entsteht ein Match und man erhält die Möglichkeit zu chatten.
Was aus dem Match wird entscheiden die beiden Parteien dann für sich.Vor zehn Jahren, als ich in meiner, nennen wir es Sturm und Drangzeit, noch single durch die Clubs der Hauptstadt tobte, da lief das irgendwie anders.
Da sah man sich, fand sich toll, sprach miteinander, knutschte vielleicht ein wenig (oder auch mal ziemlich wild) und verabredete sich für die kommende Woche auf ein Date.
Entweder wurde dann mehr daraus oder es blieb bei den Erinnerungen an eine gemeinsame, ausschweifende Partynacht.

 

 

Und auch wenn erste Begegnungen im Club wenig romantisch klingen, waren es die darauf folgenden Dates meist umso mehr.
Es waren zufälligen Begegnungen, die dich zum Date führten und nicht die Apps auf deinem Handy.

„Früher war alles anders.“ 

Ja irgendwie schon.

Im Zeitalter von Social Media und einer wohl kaum zu beziffernden Summe an Apps für so ziemlich jeden erdenklichen oder auch unvorstellbaren Mist, hat sich natürlich auch das Leben als Single und die Partnersuche verändert – zumindest in der Hauptstadt.
Mein Alltag ist durch meinen Job und meine Bloggertätigkeit stark von Apps und Social Media geprägt und gerät weniger in die Konfrontation mit echtem Sozialleben.

Heute war fast jeder Single in Berlin schon mindestens einmal zum Schnupperkurs auf Tinder.
Marktwert checken.
Nur mal gucken, was geboten wird und wen man da so trifft.

Jeder Single hier, der dir erzählt, er habe Tinder noch nie ausprobiert, der besitzt entweder kein Smartphone, ist erst seit wenigen Stunden wieder auf dem Markt, ist nicht bei Facebook angemeldet ( soll es ja tatsächlich auch noch geben ) oder dem ist es schlichtweg unangenehm , dir davon zu erzählen.
Tatsache ist, „tindern“ ist in Berlin heute so normal wie „Joints rauchen und Bierchen zischen.“
Unter Freunden tauscht man sich aus, witzelt über das ein oder andere missglückte Date, checkt die Matches des anderen ab und prahlt mit der eigenen Trefferquote.
Nicht jeder bleibt lang, viele probieren aus, sind erfolgreich dabei oder löschen nach einigen gescheiterten oder langweiligen Versuchen die App wieder vom Smartphone.

Ich habe nun selbst ein knappes Jahr lang mehr oder minder erfolgreich getindert.
Allerdings nicht im Stile dessen, wofür die App bekannt ist.
Den Gedanken mich nach drei, vier Sätzen direkt mit jemanden zum Sex zu verabreden, finde ich immer noch sehr befremdlich und für mich gehört einfach etwas mehr dazu, als sich lediglich optisch attraktiv zu finden.

Wie viele Matches ich in dieser Zeit hatte, kann ich nicht mehr nachvollziehen. Fakt ist, dass ich mich mit gerade mal 5 (darunter 2 Frauen) davon auch tatsächlich getroffen habe, wobei diese nicht unbedingt auf Sex hinausliefen.

Heute soll es schnell gehen. Bloß nicht zu lange hin und her schreiben, lieber gleich treffen (und abchecken) und am besten geht es beim ersten Date dann auch zur Sache.
In Berlin konsumiert man nicht nur Alkohol und Drogen, sondern eben auch Sexualpartner.
Dabei sollte es im Idealfall möglichst unkompliziert ablaufen.
Keine Verbindlichkeiten, keine Verantwortung und somit auch kaum ein Funken Mühe beim Umwerben der potenziellen Sexpartner(in).Die Kommunikation beschränkt sich auf das Wesentliche. Auf klare Fakten. Also auf alles, was möglichst schnell zum angepeilten Sexdate führt.Wenig romantisch und irgendwie so überhaupt nicht nach meinem Geschmack.

Ich als Frau möchte erobert werden, umgarnt und das Gefühl bekommen, ich wäre nicht das dritte Date an diesem Tag, sondern vielleicht das erste in den letzten drei Monaten.
Ich möchte online nicht mit „hmm dir möchte ich gerne mal den Hintern versohlen“ oder  „Mein Schwanz wird gerade ganz hart, wenn ich deine Bilder sehe..“ begrüßt werden.

Das geht auch charmanter!
Kaum ein Mann hat es nötig, so billig und forsch auf eine Frau zuzugehen, um sie ins Bett zu kriegen. Wenn Frau jedoch darauf anspringt, dann ganz ehrlich, lass dein ´hartes` Ding vielleicht lieber in deiner Hose.

 

Wie viel Romantik ist also geblieben in dieser schnelllebigen Stadt, in der nicht die zufälligen Begegnungen das Liebesleben regieren, sondern digitale Kataloge von Menschen aus denen man mit Links – Rechts- Wisch auswählt?Wie viel Wert wird einem Date noch beigemessen, welches nicht schnell genug nach der Matchbestätigung angesetzt werden kann?
Wie viel Vertrauen können wir in die Worte und Handlungen einer Person stecken, die uns anhand oberflächlicher Anhaltspunkte aus anderen selektiert hat?
Sind wir die eine Person aus Tausenden, die bewusst gewählt wurde oder doch nur eine von Hunderten, bei der es aufgrund unseres eigenen Swipes zum Match kam?Natürlich gibt niemand vor dem Gegenüber zu, dass man nur eine(r) von vielen ist.
Dass parallel mit mehr Matches geschrieben wird, um die Chancen auf das schnelle Date zu erhöhen.
Ganz selbstverständlich gaukelt man dem Matchpartner dessen Einzigartigkeit vor und lässt ihn womöglich ins offene Messer laufen.

Aber welche Hoffnungen legen wir in unsere Matches?
Suchen wir das schnelle Abenteuer oder eigentlich doch nur nach Bestätigung und der Befriedigung mangelnder seelischer Fürsorge in Form von Aufmerksamkeit?
Glauben wir den Partner fürs Leben zu finden?

Der Reiz auf Tinder liegt klar auf der Hand. Wir wissen nicht, ob unser Rechtsswipe zum Erfolg führt. Tindern ist wie Russisch Roulette, nur nicht tödlich, sondern mit der Aussicht auf ein Date.
Wer viele Matches erzielt, dessen Selbstbewusstsein erhält einen Aufschwung.
Wir sind digitale King and Queens.

Wir posten Selfies, schreiben auf Social Media oder Blogs über uns, philosophieren über das Leben ,über neue Errungenschaften oder die Must Haves der Saison.
Wir wollen das perfekte Bild von uns erschaffen und immer mithalten können.

Doch während wir auf Social Media Kanälen glänzen, bleiben wir im echten Leben auf der Strecke.
Echte Emotionen, Werte und Romantik werden in den Apps ersetzt durch unwichtige Attribute, wie Körpergröße oder allgemeine Interessen.

Höher, schneller, weiter.

Generation Tinder zahlt ihren Tribut.
Liebe, Romantik und zufällige Begegnungen verlieren an Wert.
Wir konzentrieren uns auf eine Vielzahl von Menschen, nicht mehr aber nur auf den einen.

Was zählt ist die Leichtigkeit und Unkompliziertheit, die diese Begegnung mit sich bringen muss.
Frauen, wie Männer wollen immer mehr Unabhängigkeit und uneingeschränkte Entfaltungsmöglichkeiten.

Aus einem „kein Sex vor der Ehe.“ wurde ein „keine Beziehung vor dem Sex.“

Ja die Zeiten ändern sich.

Und heute, wo es fast nicht einfacher sein könnte an neue Sexpartner zu kommen, wo langes Suchen und  mehrmaliges Daten überflüssig geworden sind, versickern die ursprünglichen Werte immer mehr im Sand.

Dafür wachsen Bindungsängste und der Drang nach Bestätigung.
Wer Gefühle zeigt hat verloren.
Wer mehr als Sex erwartet, hat verloren.
Wer Romantik sucht, wird kaum noch fündig.
Kennenlernen findet nicht mehr auf Augenhöhe statt, sondern versteckt hinter Smartphones und erspart uns die reale Konfrontation solange, bis wir sie zulassen.
Wer nicht mehr gefällt, wird gnadenlos und ohne Vorwahrnung mit zwei Klicks abgesägt und durch das nächste Match ersetzt.

Mach dich interessant, aber bloß nicht rar.
Sei du selbst, aber bitte nicht zu emotional.
Spiele mit deinen Reizen, aber sei bloß nicht schlampig.

Die Latte ist hoch und das bereits auf digitaler Ebene, noch bevor die Schwelle ins reale Leben überschritten werden konnte.

Wer nicht nach Bestätigung, schnellem Sex oder Aufmerksamkeit giert, sondern stattdessen nach Liebe und Romantik sucht, dem wird Tinder vielleicht zum Verhängnis.

In unserer Gesellschaft geht es permanent um Fortschritt und Weiterentwicklung.
Doch sollte die Bedeutung von Liebe und Romantik meiner Meinung nach nicht durch den digitalen Wandel unserer Generation verfallen.

Ja ich sehne mich nach den Zeiten, wo Single sein und Partnersuche im offline Modus stattfand und nicht hinter dem Smartphone.
Ich sehne mich nach einer Zeit, wo man sich nicht dafür schämen musste, hoffnungslos romantisch zu sein.

Nein, ich sehne mich nicht zwangsläufig nach einer Beziehung, aber nach einer Zeit, in der Romantik und Sex eine andere Bedeutung hatten, als heute und wo die „Konkurrenz“ am Nachbartisch saß und nicht aus einem Katalog von Bildern bestand.

Back to the roots.
Back to romance.

Und wenn du auch zu den Romantikern gehörst, dann findest du hier meine ganz persönliche Playlist auf Spotify zum Kuscheln, Träumen oder einfach nur abschalten. . .
Reinhören lohnt sich. Versprochen!

https://open.spotify.com/user/21f2lpggd3hz4bb7z4okxkxgq/playlist/2YzwQFjXtsXi9oiJ1RZpCg?si=XHjOmJV0

romantische Grüße
Frau P L 

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  • Puppilalla

    Stimmt auffallend. Danke für den Post und das Aufgreifen dieses Themas. Ich als kategorische Facebook-Nicht-Nutzerin war noch nie auf Tinder und da ich jetzt auch wieder Single bin, werde ich mal sehen ob und wie in Berlin was geht.
    =)

    • FrauPL

      Hallo ;)
      Danke für dein Feedback. Ja vielleicht gar nicht so schlecht, dass du damit noch gar nicht erst in Berührung gekommen bist.
      Das erspart dir sicher einiges ;)

      Ich wünsche dir auf jeden Fall viel Glück und beste Chancen als Single ! <3

      Liebste Grüße
      Aileen

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