Doppelmoral – Warum wir nach Bequemlichkeit handeln

 Hallo!

Seit geraumer Zeit versuche ich dem Zucker zu entsagen, möchte mich gesünder, ausgewogener und überwiegend nach Paleo ernähren.
Gleichzeitig möchte ich aber keinesfalls meinen Latte Macchiato missen oder auf einen guten Gin und Rotwein verzichten.
Da fängt sie an – meine Doppelmoral.
Und hört längst nicht auf.
Wenn ich über so viele meiner Überzeugungen nachdenke, dann fällt mir zu fast jeder eine Pendant ein, wie ich sie selbst wieder aushebele, in dem ich an anderer Stelle genau das tue bzw. unterlasse wofür ich sonst prädige.

Ich halte an Werten fest, an Moralvorstellungen und Prinzipien und doch verstoße ich gegen so vieles davon.

Neulich saß ich mit einer engen Freundin zusammen. Wir redeten über ihr aktuelles Gefühlschaos.
Darüber, dass sie zwei Männer gleichzeitig irgendwie liebt, beide sie nicht zu 100% glücklich machen, sie sich aber auch von beiden nicht ganz lossagen kann, denn die Gefühle sind nunmal da.
Sie ist hin und hergerissen, hangelt immer zwischen beiden Männern.
Während der eine davon weiß, tappt der andere mit rosaroter Brille im Dunkeln.

Sie fühlt sich mies deswegen. Es ist mies, es ist nicht fair. Es ist irgendwie sehr egoistisch. Das muss ich ihr nicht sagen. Sie weiß das und es geht ihr mit ihrer Situation nicht gut.

Ohne mehr ins Detail gehen zu wollen, saßen wir also da, redeten darüber. Wie schon so oft. Und wie wir so redeten und sie mir erzählte, wie sie sich fühlte und ich versuchte, ihr als gute Freundin irgendwie Rat zu geben, da musste ich plötzlich erschrocken Inne halten.

Diese Situation, in der sie sich befindet, ist eine, die ich selbst erlebt habe.
Doch war ich in diesem Spiel nicht sie, sondern einer der beiden Männer.

Und während meine Freundin weiter erzählte, ratterten in mir die Gedanken hin und her.
Bis ich sie irgendwann unterbrach.

Mir wurde klar, dass ich den Mann, der mir genau das Gleiche angetan hatte, wie sie es momentan machte, dafür verurteilt habe. Wie ich eine unsagbare Wut auf ihn hatte.
Ich hasste ihn nicht. Ich war enttäuscht.
Enttäuscht über seine Unehrlichkeit, darüber, dass ich nicht ausreichte, obwohl er mir das Gefühl gab, etwas besonderes, einzigartiges für ihn zu sein.

Doch während ich mich über ihn so sehr ärgerte, nahm ich sie für gleiches Handeln in Schutz.

Ich kenne sie, weiß wie sie fühlt, weiß, wie schlecht es ihr damit geht.
Ich weiß, dass sie kein schlechter Mensch ist. Niemand, der Menschen bewusst und gerne anlügt oder gar ausnutzt.

Ich kenne die Details hinter ihrer Story und deshalb habe ich Verständnis für sie und ihre Situation.
Niemals würde ich sie dafür verurteilen, auch wenn ich doch sonst so sehr auf Ehrlichkeit und klare Fronten aus bin.

Doch für den Mann, der mich verletzt hat, der mich belogen hat, wollte ich kein Verständnis haben.
Hier ging es schließlich um mich.
Es ging nicht um den körperlichen Betrug, es ging mir um die Lüge, die hinter all dem steckte.

Doch wieso ziehe ich da eine Grenze und beurteile die gleiche Situation mit zwei verschiedenen Meinungen?
Ist es nicht mein eigener Egoismus, der hier durchkommt?

Während ich meine Freundin als „Betrügerin“ in Schutz nehme, ihre Lügen zwar nicht unterstütze und auch nicht gutheiße, aber dennoch Verständnis dafür aufbringen kann, weil ich die Hintergründe und ihre Gefühlswelt verstehe, verurteile ich einen anderen dafür.
Jeden anderen mir fremderen Menschen würde ich verurteilen.
Jeden würde ich verurteilen, sobald es um mich selbst ginge.

Eine andere ganz klassische prekäre Situation, in der der/die ein oder andere von uns schon mal steckte.
Ein(e) Freund(in) in deinem Freundeskreis betrügt seinen/ihren Partner(in) und du bist mit beiden gut befreundet.

Nun sitzt man da, zwischen den Stühlen: Einmischen oder besser nicht?
Für uns selbst würden wir uns natürlich wünschen, dass unser(e) Freund(in) uns steckt, dass wir betrogen werden.
Wir erwarten das!

Aber selbst werfen wir uns nicht freiwillig zwischen die Fronten, wollen nicht derjenige sein, der die Beziehung nachher auf dem Gewissen hat, auf den man am Ende sauer ist.

Eine ungemütliche Situation und so schluckt man schnell eher mal runter, ermahnt den/die Betrüger(in) vielleicht aber wird nicht zum Überbringer der schlechten Botschaft für den/die Betrogene(n).

Ja hier schwingt sehr viel Doppelmoral und damit einhergehend Egoismus mit.

Wir sind in Konflikten grundsätzlich sehr auf unseren eigenen Vorteil bedacht.
Wir sind also von dem Einen überzeugt und stehen in Erwartungshaltung unserer Umwelt gegenüber, aber kommen wir in den Moment, in welchem wir uns trotz fester Moralvorstellungen und Prinzipien in eine unangenehme Situation bringen würden oder ist es, wie in meinem Fall, eben eine sehr gute Freundin, für die wir mehr Verständnis aufbringen können als für andere, vielleicht sogar fremde Personen, dann kommen wir von genau diesem rechten Pfad ab.

Wir beschränken unsere Prinzipien gerne mal auf uns selbst.
Das heißt, alles was uns betrifft, uns verletzt oder uns zu Gute kommt, da halten wir an der Werten fest.
Betrifft es uns nur indirekt und hat keinen großen Einfluss auf uns, können wir auch mal darüber hinwegsehen.

Wir urteilen nach Bequemlichkeit.
So wie es sich für uns gut anfühlt, wie es uns vor anderen, neuen Konflikten bewahrt.

Klar, wer ist schon gerne der Arsch?
Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel, aber grundsätzlich möchte jeder von uns gerne umherkommen ständig zwischen irgendwelchen Fronten zu stehen, auf Moralapostel zu machen und irgendwie haben wir es eben, dieses Verständnis für unsere guten Freunde und Familie.

Wir schupsen unsere Freunde nicht weg, weil sie bei anderen gerade einen Fehler machen. Auch wenn wir das nicht gutheißen. Wir würden uns nicht von ihnen trennen.

Aber würden wir sie genauso tröstend in den Arm nehmen, ihnen unser Verständnis ausdrücken und Ratschläge geben, wenn es hierbei um uns ginge?

Ich muss zugeben, dass dieses Gespräch mit ihr und die Erkenntnis darüber, dass ich ihr Verhalten nicht befürworte, aber eben auch nicht verurteile, mir sehr im Umgang mit meiner eigenen Situation geholfen hat.

Auch wenn die Erkenntnis hier reichlich spät eintritt, so kam sie dennoch und macht mir bewusst, dass Menschen Fehler machen.
Und auch wenn wir unsere festen Werte vertreten, so bringt es das Leben, unsere Gefühle und Situationen einfach mit sich, dass wir genau diesen vielleicht nicht immer ganz treu sein können.

Ja ich ziehe Ehrlichkeit vor.
Ja ich möchte weiterhin gerne, dass meine Freunde mir sagen, wenn sie wissen, dass man mich betrügt, belügt oder sonst wie hintergeht.

Aber ich weiss auch, dass Wut einfacher zu händeln ist als Verständnis.

 

Lassen wir uns subjektiv leiten, ist kaum Platz für Verständnis, für rationales Denken.
Wir geben unserer Enttäuschung oder anderen Gefühlen Vorrang.
Aber das zeigt unsere Inkonsequenz uns selbst gegenüber.

Natürlich ist es schwer in bestimmten Momenten objektiv zu bleiben, aber bemühen wir uns etwas aus der Entfernung zu betrachten, mit mehr emotionaler Distanz, dann fällt es uns am Ende leichter mit Situationen besser umzugehen. Dann auch ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir in unseren falschen Erwartungen enttäuscht werden viel geringer.
Es geht nicht darum, dass man alle Fehler die andere in unseren Augen machen, gleich bewerten soll.
Aber darum, dass wir am Ende alle gleich sind:
Menschen, die sich manchmal sehr irrational verhalten, Fehler machen und die viel zu hohen Erwartungen nicht gerecht werden können.

Keine Doppelmoral. Kein „du darfst das, der andere nicht“. Kein Aber und kein Vielleicht.

Was würde passieren, wenn wir unsere Erwartungen und unseren Egoismus etwas zurückschrauben und dafür mehr Raum für Verständnis schaffen?

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LIEBST DEINE 
FRAU P L 

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